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Aufmerksamkeitsgesellschaft oder: "Grup Tekkan - die ham's geschafft!"
Heute wurde ich unfreiwilliger Zeuge der Karriereplanung eines weiblichen Teenagers. Die junge Frau stand an der gleichen Fußgängerampel wie ich und unterhielt sich mit ihrer Mutter über ihre Berufswünsche.
Tochter: “Ha ja, ich werd’ Sängerin.”
Mutter (skeptisch): “Sängerin…?”
Tochter: “Ja, Sängerin!”
Mutter (skeptisch): “Na ja, kann man davon denn…”
Tochter (unterbricht): “Ja klar, Mensch, kuck dir Grup Tekkan an - so gut wie die bin ich allemal, und die ham’s ja auch geschafft!”
Am Rande: Das Ziel, “Allemal so gut” wie Grup Tekkan zu sein, dürfte die Qualitätsanforderungen nicht allzuhoch legen. Doch interessanter ist die Einstufung des Medienrummels um die Gruppe als Beleg für “es geschafft haben".
“Es geschafft haben” - damit verbindet man in klassischem Sinne Aufstieg und Erfolg. Dabei bezieht sich Erfolg durchaus auch auf materiellen Erfolg. “Vom Tellerwäscher zum Millionär” wäre ein klassisches Beispiel klischeehaften “es geschafft haben".
Wendet man diese klassische Interpretation des “es geschafft haben” auf Grup Tekkan an [1], so kann man natürlich fragen, was diese jungen Leute denn geschafft haben: Von sozialem Aufstieg oder materiellem Erfolg kann angesichts des one-day-one-hit-wonders oder des Durchreichens in den Verwertungsmaschinerien der Massenmedien wohl kaum die Rede sein. Dass die Mitglieder von Grup Tekkan allesamt ihre Arbeitsstellen gekündigt oder sogar ihre Ausbildung abgebrochen haben, um sich ganz der Musik zu widmen, entbehrt nicht einer gewissen Tragik: “Die Erfahrung zeigt: Nach Veröffentlichung des Albums werden sie - ebenfalls in Rekordzeit - verschwinden. Und dann? Stehen sie ohne Job da. Das weiß aber dann niemand mehr, weil sich keiner dafür interessiert.”[2]
Dass es Grup Tekkan in den Augen der jungen Frau dennoch “geschafft haben", zeigt, dass heute auch derjenige “es geschaft hat", der Prominenz genießt - und sei der Fame noch so kurzlebig. Und erweitert man den Begriff des “es-geschafft-haben” um Ruhm (vielleicht sollte man ihn sogar darauf reduzieren), dann ist es nur logisch, dass Grup Tekkan plötzlich als durchaus realistisches role model taugen - und ebenso logisch ist dann das Brechen der Mitglieder von Grup Tekkan mit den gleichsam herkömmlichen Lebensläufen.
Ob 15 minutes of fame im derzeitigen real life wirklich ausreichen können, “es geschafft zu haben", kann bezweifelt werden.
In der Vorstellungswelt ist es jedoch schon soweit; und da gar nicht mal so selten das Bewußtsein das Sein bestimmt, wird fame als Kapital zukünftig zunehmend relevant werden. Und so ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass unter zehnjährigen Briten zwar Geld und Reichtum an erster Stelle der Lebensziele stehen, aber fame als Vehikel zu ersteren schon an zweiter Stelle.
Interessante links zu diesem Thema:
[1] Hier geht es nicht um Grup Tekkan-Bashing. Die Gruppe dient als exemplarischer Aufhänger, aus einer Alltagsbeobachtung heraus entstanden.
[2] Schmieder, Jürgen: Aus Mist mach Gold. In: sueddeutsche.de vom 17.03.2006.
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