Prozeß? Kühler?
Heute stand der Prozessortausch eines Fileservers an. Der Fileserver lief bis dato mit einem Celeron, und nun wurde aber ein P4 frei. Der sollte also in den Fileserver transplantiert werden. Nun gut, alle Anwender wurden benachrichtigt, alle Clients getrennt, der Server heruntergefahren und vom Serverschrank ins Büro gebracht.
Deckel auf, Kühler ab, Celeron raus, Kühler reinigen, P4 rein, Wärmeleitpaste drauf, Kühler drauf, Test, Deckel drauf, zurück in den Serverschrank, Anwender benachrichtigen.
So war der Plan. Nun war aber dummerweise die Wärmeleitpaste eingetrocknet (jaja, hätte man vorher prüfen können...).
Na gut, um die Ecke hat ja so ein neuer Computerladen aufgemacht - die haben ja bestimmt eine Tube Wärmeleitpaste. Dann kostet das ja kaum Zeit. Also in fünf Minuten zu Fuß zum Laden gelaufen.
An der Tür ein Schild: DIESER LADEN WIRD KAMERAÜBERWACHT! Oh, freundliche Begrüßung... na gut. Also rein. Keiner da. Hmm.
Doch schon nach einer halben Minute kam der Verkäufer. Es entwickelte sich folgender Dialog zwischen mir (K wie Kunde) und dem Verkäufer (V):
V: Ja?
K: Guten Tag, ich brauche eine kleine Tube Wärmeleitpaste.
V: - - - - - - Wie bitte?
K (etwas lauter und deutlicher): Ich hätte gerne eine Tube Wärmeleitpaste.
V: - - - - - -- - - - - - - - - - - - - - - - - Was ist denn das?
K (etwas fassungslos und in latenter Vorahnung der Dinge, die noch kommen könnten, auch leicht ungehalten, zumal die Zeit läuft - aber immer noch beherrscht und höflich): Das ist das, was zwischen Prozessor und Prozessorkühler kommt, damit...
V (unterbricht mich, in seinen Augen stehen Fragezeichen geschrieben): Prozeß? Kühler?
Das war dann der Moment, in dem mir klar wurde, dass dieser Computerladenverkäufer wahrscheinlich noch nie einen Computer von innen gesehen hat (inwiefern das sich mit dem Berufsbild vereinbaren läßt, weiß ich nicht). Normalerweise bin ich kein rebellischer Kunde. Ich kaufe auch schon mal Objektivdeckel für 29,95 €, weil ich ja danach gefragt habe - aber das ist eine andere Geschichte. Wie dem auch sei: Diese geballte Ahnungslosigkeit ließ mir nur noch Raum für die spontane Entgegnung.
K: Hören Sie, ich habe keine Zeit, Ihnen Ihren Job zu erklären. Ich kauf' das Zeug woanders. Ich hab' wirklich keine Zeit. Auf Wiedersehen.
Ich habe dann einen Fahrradkurier zum örtlichen Kistenschieber geschickt, und beide waren problemlos in der Lage, eine Tube Wärmeleitpaste über den Ladentisch gehen zu lassen. Nach fünfzehn Minuten war die Paste da.
Ich aber bin immer noch fassungslos. "Prozeß? Kühler?"
Noch kein Feedback
StudiVZ: "Gott sei Dank"
Das social network StudiVZ war nach den Stalking- und Datenschutzvorfällen in 2006 vor einiger Zeit erneut ins Blickfeld der öffentlichen Debatte gekommen, nachdem die Betreiber ihre AGB samt Datenschutzerklärung geändert hatten. Diese Änderung bestand in der Außenwirkung hauptsächlich darin, dass Nutzerdaten zu Werbezwecken an Dritte weitergegeben werden dürfen. Dies war der Auslöser zahlreicher Diskussionen und Proteste, in derem Verlauf Studentenvertreter öffentlich vor StudiVZ warnten (beispielsweise hier, hier und hier).
Die Proteste führten dazu, dass die Betreiber von StudiVZ zumindest darauf verzichteten, den Usern auch per Handy oder Instant-Message Werbung zu schicken.
Am Ende stimmten dann die meisten User den neuen AGB zu - ob sie durch den vermeintlichen Rückzug beruhigt waren oder ob es ihnen einfach egal war, ist schwer zu sagen. Offenbar haben aber die wenigsten User die neuen AGB und die Datenschutzerklärung wirklich gelesen. Unter Punkt 7 findet man in der Datenschutzerklärung nämlich folgenden Passus:
Ich willige ein, dass studiVZ Bestandsdaten und/oder Nutzungsdaten von mir an Ermittlungs-, Strafverfolgungs- und Aufsichtsbehörden weitergibt, wenn und soweit dies erforderlich ist zur Abwehr von Gefahren für die staatliche und öffentliche Sicherheit sowie zur Verfolgung von Straftaten.
Ob diese Weitergabe eine richterliche Anordnung voraussetzt oder sozusagen auf Zuruf der Ermittler geschieht, bleibt hier offen.
Zur Zeit der Protest kursierte in der Netzgemeinde die ironische Verballhornung StasiVZ. Wie nahe an der Realität dies lag, zeigt sich nun in einem Interview auf Spiegel online. Hier ist StudiVZ-Geschäftsführer Marcus Riecke erleichtert, dass nunmehr alles etwas konfliktfreier vonstatten geht:
Riecke: Wir haben die Geschäftsbedingungen und die Datenschutzerklärung aus zwei Gründen geändert. Zum einen, um zielgerichtet werben zu können. Zum anderen, um Konflikte mit Ermittlungsbehörden zu vermeiden.
[...]
Wir stehen da zwischen den Fronten. Auf der einen Seite der Datenschutz, auf der anderen Seite die Ermittler. Das Telemediengesetz verbietet uns, ohne Zustimmung der Nutzer Nutzungsdaten zu speichern. So hat der BGH [...] entschieden. Die Kripo- und LKA-Beamten verlangen aber genau diese Daten von uns [...]. Deshalb haben wir die Nutzer der Speicherung der Nutzungsdaten zustimmen lassen.
SPIEGEL ONLINE: Konkret: Zu Ihnen kommt ein Staatsanwalt mit 30 Fotos aus StudiVZ-Profilen, die Leute anscheinend beim Kiffen zeigen. Er verlangt Klarnamen zu den Profilen und allen Kommentaren. Was machen Sie?
Riecke: Gott sei Dank dürfen wir bei Ermittlungsersuchen solche Daten nun herausgeben. Nutzungsdaten speichern wir bei allen Nutzern, die uns das erlaubt haben [...].
SPIEGEL ONLINE: Wie viele sind das?
Riecke: [...] Weit über 90 Prozent.
[...]
Riecke: Wir bekommen täglich Anfragen von Behörden, die kenne ich nicht im Detail.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Anfragen sind das?
Riecke: Gut zehn in der Woche.
Mit anderen Worten und etwas Phantasie könnte man sich folgendes Szenario ausmalen: Ermittlungsbehörden standen immer wieder bei StudiVZ vor der Tür und verlangten Daten. Diese Daten durfte StudiVZ aber nicht erheben. Denn das verbietet das Telemediengesetz.
Die Ermittlungsbehörden gaben sich damit aber nicht zufrieden und fragten immer wieder nach Daten . Richtig penetrant, sowas.
Und irgendwie fand Riecke das ja auch verständlich, denn warum sollten die Ermittler denn diese Daten auch nicht bekommen?
Gott sei Dank gab es einen Ausweg: Die Änderung der AGB. Das konnte man ja auch wunderbar mit Werbung erklären (und zur Beruhigung dann auch ein wenig auf Protest eingehen). Zwar gehen viele Leute und gerade auch junge Leute heutzutage eher offen mit ihren Daten um, aber das Wort "Polizei" hätte wohl selbst bei jenen Leuten ein Alarmglöcklein schellen lassen.
Fast schon könnte man sagen, im Interview förmlich den Felsbrocken zu spüren, der Riecke vom Herzen gefallen ist, nachdem er sich zuvor im Konflikt zwischen Datenschutz und Anfragen der Ermittlungsbehörden aufgerieben hat.
Nun, da 90% der StudiVZ-User der Übermittlung der Daten zugestimmt haben, kann Riecke mit der ganzen Wahrheit herausrücken und sich - "Gott sei Dank" - als Mann, dem Sicherheit und Ordnung am Herzen liegen, gerieren.
Einen Exodus der User muss StudiVZ wohl nicht befürchten. Den Grund kennt und nennt Ricke auch:
Wenn ein soziales Netzwerk die kritische Masse erreicht hat, funktioniert es, weil alle meine Freunde schon da sind.
Die Erfahrung gibt ihm recht. Und seien wir mal ehrlich: Eigentlich ist das alles ja auch nur zu unserem Besten. Wer könnte da etwas dagegen haben?
Unterdessen rauscht es kräftig in der deutschsprachigen Blogosphäre:
Endlich: StudiVZ muss Verbrechen nicht mehr decken (politik-digital.de)
Statt Online-Durchsuchung: StudiVZ! (Medienblog)
jetzt wissen wir auch warum es zum jahreswechsel neue nutzungsbedingungen bei studivz gab (das leben ist ein märchen)
Wir wollen die Daten unserer Nutzer gar nicht schützen. Wir kämen nicht mal auf die Idee ein solch absurde Anfrage abzuweisen oder zu hinterfragen. Wir sind sogar froh, da behilflich zu sein. Gott sei Dank haben uns die User da völlig freie Hand gegeben. Und die Hauptsache ist doch, dass unsere Nutzer passende Werbung bekommen. (Notizblog)
StudiVZ sorgt auch dafür das du weiterhin auf den Pfaden der Tugend wandeln wirst [...]. Und wenn du mal leichtsinnigerweise etwas Verbotenes gemacht hast wird man natürlich den entsprechenden Stellen helfen, dir die rechte Strafe zukommen zu lassen. (IT Guerilla)
Bis heute war ich noch beim StudiVZ registriert, jedoch ein Interview mit StudiVZ-Boss Riecke überzeugte mich nun endlich, das Weite zu suchen. (Stargazers Blog)
Web 2.0 ist, wenn Dein Klarname wegen Kifferbildern in sozialen Netzwerken direkt an Ermittlungsbehörden wandern. So wie bei StudiVZ. (Schräuble)
Das StudiVZ lässt also seine Nutzer zustimmen, Daten zu speichern, damit diese den Ermittlungsbehörden übergeben werden dürfen. Gesetzlich wären sie dazu nicht verflichtet.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt... (nyblog)
Und bitte gleich noch alle die im Profil bei der politischen Einstellung sehr Links oder sehr Rechts angegeben haben mal sicherheitshalber dem Verfassungsschutz melden, und alle die sich irgendwie als Moslems outen auch gleich noch dazu. (meinbetrunkenesgestotter)
Der Mann ist ja richtig erleichtert, dass er seine Kunden verpfeifen kann. (Bernd Röthlingshöfer)
3 Kommentare, 1 Trackback
Gut zu wissen … Riecke: Wir haben die Geschäftsbedingungen und die Datenschutzerklärung aus zwei Gründen geändert. Zum einen, um zielgerichtet werben zu können. Zum anderen, um Konflikte mit Ermittlungsbehörden zu vermeiden. SPIEGEL ONLINE:...
Habe da eine gute Alternative zum StudiVZ gefunden:
http://www.stuxum.de
Liebe Grüße
Natalie
Mal sehen, wie sich das entwickelt.
Der Eintrag hat 3 auf Moderation wartende Feedbacks...
Grundrechtsdebatte: Die SPD rudert ..zurück? Vorwärts? Umher?
Die SPD hat sich in der allerjüngsten Vergangenheit gelinde gedagt nicht gerade als Bürgerrechtspartei erwiesen. Offensichtlich hat man bei den Sozialdemokraten aber bemerkt, dass das aktuelle Gebaren durchaus auf Widerstand, zumindest aber Empörung stößt.
Es scheint also an der Zeit, die zu befürchtenden Image- und Glaubwürdigkeitsschäden wieder zu überdecken.
Anders läßt sich der jüngste, massenmedial (leider weitestgehend unreflektiert) breitgetretene Versuch der SPD, ihr "Bürgerrechtsprofil zu schärfen", kaum erklären.
Dieser Versuch besteht darin, dass Dieter Wiefelspütz erklärt: Das Internet ist ein neuer Raum der Freiheit, der im Grundgesetz nicht vorkommt. Die Menschen gehen dort gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Betätigungen nach, sie kommunizieren und informieren sich. Es ist unsere Aufgabe, diese Ausübung von Bürgerrechten gegen staatliche Eingriffe zu schützen. (Quelle: Welt online)
Auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries und alle Rechtspolitiker der Sozialdemokraten stünden laut Klaus Uwe Benneter hinter der Idee eines neuen Grundrechts.
Wir erinnern uns: Dieter Wiefelspütz ist derjenige, der die Vorratsdatenspeicherung ganz toll findet.
Wir erinnern uns weiterhin: Die sechsundzwanzig Abgeordneten, die erklärten, ein Gesetz zur präventiven Totalüberwachung des Kommunikationsverhaltens verabschiedet zu haben, welches sie für verfassungswidrig halten, sind SPD-Mitglieder.
Diese Partei also geriert sich nun als eherne Grundrechtskämpfer. Die Sozialdemokraten spekulieren offensichtlich darauf, dass dem Bürger jeweils nur die letzte Schlagzeile im Bewußtsein bleibt. Die Strategie, die dahinter steht, könnte man folgendermaßen beschreiben: Grundrechte einschränken und danach medienwirksam in der Verfassung festchreiben. Über die grauen, harten Konturen des neuen Überwachungsstaates wird formal eine grundgesetzliche Kuscheldecke geworfen - eine dünne Decke ist das, aus elastischem Material mit vielen Durchgriffen, Reißverschlüssen (streng rechtsstaatlich ausgestaltet, versteht sich!) und zeitgemäßem Materialmix. Im Anschluß kann man als Vertreter der politischen Klasse dann wieder einmal über den "demokratischen Konsens" schwadronieren.
Kai Raven beschreibt es ganz treffend:
Wovon redet [...] die SPD [...] da eigentlich? Vom Recht auf Informationsfreiheit oder vom Recht auf informationelle Selbstbestimmung? Das ist nicht dasselbe.
Beide Rechte werden direkt und indirekt durch Maßnahmen wie die Vorratsdatenspeicherung, die Online-Durchsuchung/Quellen-TKÜ und die institutionalisierte staatliche Internetüberwachung (ZaRD, GTAZ, IMAS, GIZ usw.) massiv eingeschränkt und hinsichtlich der Ausübung durch Internetnutzer massiv negativ beeinflußt. Wenn man nicht sagen will, sie werden de facto dadurch abgeschafft.
Zu anderen Zeiten wäre eine Verankerung beider Rechte in der Verfassung zu begrüßen gewesen. Jetzt - nach 2001 und folgenden Jahren, unter dem Eindruck des beschlossenen Gesetzes und der Argumentation eines Schäuble ist es die Schaffung eines oder zweier Grundrechte, um sie anschließend umso besser, legitimierter einschränken und aushöhlen zu können. Sie werden Teil der "notwendigen Transformation der Verfassung" von der alle Sicherheitspolitik-Hardliner sprechen. Der Vorstoß der SPD ist Teil ihrer Entfernung bzw. Aufgabe rechtsstaatlicher und demokratischer Prinzipien. Orwell hätte das "Doppeldenk" und "Neusprech" genannt.
Auch Peter Kröner stolpert über Widersprüche:
Jene Sozis, die fast einstimmig für die Vorratsdatenspeicherung gestimmt haben, wollen jetzt die Freiheit der Kommunikation im Internet wahren. Dieter Wiefelspütz, der rote Schäuble, gibt jetzt solche Töne von sich [...]
Bernie.1 befürchtet:
Klingt gut, aber warten wir erst einmal auf Grundrechtsinhalt und Gesetzesvorbehalt: Es wäre schade, wenn am Ende ein Feigenblatt-Grundrecht ohne Schutzbereich, ein völlig beschränktes Grundrechtchen oder gar ein Absatzmonster nach Art von Art. 13 GG oder Art. 16a GG herauskäme.
elementarteile ruft aus: "SPD, du Freiheitskämpferin!"
Felix Schwenzel von wirres.net bleibt da nur noch die Diagnose "Schizophren, krank, unredlich, bigott und enorm unglaubwürdig."
Auch Sven Scholz meint:
Sagt mal, SPD, wie lächerlich wollt ihr euch denn noch machen? In meinen Augen ist euer “Vorstoß” zur “Einführung” von Informationsfreiheit “im Internet” doch pure Heuchelei [...].
Noch kein Feedback
Bildungskanon
Eine Bekannte berichtete mir heute von einem Gespräch von vier zwölfjährigen Gymnasiastinnen auf dem Spielplatz.
A: "...wie Napoleon."
B: "Wer war denn eigentlich Napoleon?"
A (überzeugt, sofort): "Na, das ist doch der, der Amerika entdeckt hat."
C: "Mensch, Amerika hat doch nicht Napoleon entdeckt!" (Pause) "Das war Goethe!"
D: "Nein, das kann nicht sein. Der Goethe, das war doch ein Gedichter."
Alles klar?
Noch kein Feedback
Vorratsdatenspeicherung: Dieter Wiefelspütz redet Klartext
Vorratsdatenspeicherung hat mit Terrorismusbekämpfung relativ wenig zu tun. Ich wäre für die Vorratsdatenspeicherung auch dann, wenn es überhaupt keinen Terrorismus gäbe.
Dieter Wiefelspütz auf abgeordnetenwatch.de (via Spreeblick).
Keine weiteren Fragen.
1 Kommentar
Infos gibt es unter:
http://freiheitblog.wordpress.com/2007/11/08/jetzt-erst-recht/
http://www.freiheit-ist-sicherheit.de/


